Das Passiv im Deutschen: wird gemacht oder ist gemacht?
Das Wichtigste in Kürze
Das Deutsche hat zwei Passive. Das Vorgangspassiv (werden + Partizip II) beschreibt, dass etwas geschieht: Das Haus wird gebaut. Das Zustandspassiv (sein + Partizip II) beschreibt das Ergebnis danach: Das Haus ist gebaut. In den Vergangenheitsformen heißt es wurde gebaut (Präteritum) und ist gebaut worden (Perfekt — worden, nicht geworden!). Der Handelnde steht mit von (von der Firma), Mittel und Ursache mit durch.
Die Tür wird geschlossen — jemand ist gerade dabei. Die Tür ist geschlossen — fertig, Ergebnis, niemand fasst sie mehr an. Zwei kleine Hilfsverben, zwei komplett verschiedene Aussagen: Genau an dieser Weiche zwischen werden und sein entscheidet sich das deutsche Passiv, und genau hier liegt für die meisten Deutschlernenden die größte Hürde — zumal viele andere Sprachen (Englisch, Spanisch) für beides dasselbe Verb benutzen. In diesem Artikel bekommst du die beiden Passive sauber getrennt, die Bildung durch alle Zeiten und die Frage, wann der Täter mit von und wann mit durch in den Satz kommt.
Vorgangspassiv: werden + Partizip II
Das Standard-Passiv bildest du mit werden und dem Partizip II des Vollverbs: Der Brief wird geschrieben. Die Gäste werden abgeholt. Was im Aktivsatz das Objekt war, wird im Passiv zum Subjekt — und wer handelt, darf unerwähnt bleiben. Genau dafür ist das Passiv da: wenn der Vorgang interessiert, nicht der Verursacher. Behörden-, Nachrichten- und Anleitungsdeutsch lieben es deshalb. Wie das Partizip II selbst gebildet wird — ge-, starke Formen, Ausnahmen — hat einen eigenen Artikel; hier brauchst du es fertig.
| Zeitform | Vorgangspassiv | Beispiel |
| Präsens | wird + Partizip II | Das Haus wird gebaut. |
| Präteritum | wurde + Partizip II | Das Haus wurde gebaut. |
| Perfekt | ist + Partizip II + worden | Das Haus ist gebaut worden. |
| Plusquamperfekt | war + Partizip II + worden | Das Haus war gebaut worden. |
| Futur | wird + Partizip II + werden | Das Haus wird gebaut werden. |
| mit Modalverb | Modalverb + Partizip II + werden | Das Haus muss gebaut werden. |
Die auffälligste Zeile ist das Perfekt: Dort heißt es worden, nicht geworden — Der Brief ist geschrieben worden. Das volle geworden gehört zum Vollverb werden („er ist Arzt geworden“), das kurze worden ist das Passiv-Signal. Alle Perfektformen des Passivs laufen übrigens mit sein — ganz gleich, welches Vollverb.
Zustandspassiv: sein + Partizip II
Das zweite Passiv beschreibt nicht den Vorgang, sondern den Zustand danach: Die Tür ist geöffnet. Der Tisch ist gedeckt. Die Rechnung ist bezahlt. Gebildet wird es mit sein + Partizip II, und es antwortet auf eine andere Frage: nicht „Was passiert?“, sondern „Wie ist die Lage?“. Deshalb passen Zeitpunkt-Angaben zum Vorgangspassiv (Die Tür wird um 8 Uhr geöffnet) und Dauer-Perspektiven zum Zustandspassiv (Die Tür ist seit 8 Uhr geöffnet). Die Probe, die fast immer funktioniert: Läuft da gerade etwas (werden) — oder liegt nur noch das Ergebnis vor (sein)? Mit machen durchgespielt: Die Hausaufgaben werden gemacht (gerade jetzt, es raschelt Papier) vs. Die Hausaufgaben sind gemacht (Ranzen zu, Feierabend).
von oder durch? Und die man-Alternative
Wenn der Handelnde doch in den Satz soll, nimmst du von für den eigentlichen Urheber — Der Roman wurde von einer Unbekannten geschrieben — und durch für Mittel, Ursache oder Vermittler: Die Stadt wurde durch ein Erdbeben zerstört. Die Nachricht wurde durch einen Boten überbracht. Faustregel: Wer es wollte und tat → von; womit oder wodurch es geschah → durch. Und oft ist die eleganteste Lösung gar kein Passiv: Das kleine man leistet dasselbe mit aktiver Satzstellung — Man öffnet die Tür um 8 Uhr statt Die Tür wird um 8 Uhr geöffnet. Gesprochen klingt man häufig natürlicher; geschrieben wirkt das Passiv sachlicher. Beides zu können ist das Ziel. Übrigens lohnt der Blick über den Zaun: Das englische Passiv und das französische Passiv bauen beide mit „sein“ — genau deshalb ist die deutsche werden/sein-Unterscheidung für Lernende aus diesen Sprachen so tückisch, und genau deshalb lohnt es, sie hier einmal gründlich zu verankern.
Die drei häufigsten Fehler
Erstens: geworden statt worden. ❌ Der Brief ist geschrieben geworden → ✅ ist geschrieben worden — im Passiv-Perfekt verliert werden sein ge-. Zweitens: sein und werden vertauscht. Wer aus dem Englischen kommt („the door is closed“), landet schnell beim Zustandspassiv, obwohl ein Vorgang gemeint ist: „Die Tür ist jeden Abend um 8 geschlossen“ beschreibt einen Dauerzustand — gemeint war wohl wird jeden Abend geschlossen. Drittens: Passiv ohne Not. Verben ohne Akkusativobjekt bilden kein persönliches Passiv — ❌ Ich werde geholfen → ✅ Mir wird geholfen (der Dativ bleibt Dativ!). Solche Fälle prägen sich am besten durch aktives Bilden ein, nicht durchs Lesen — aktives Abrufen wirkt nachweislich stärker (Dunlosky et al., 2013).
Takeaway
Zwei Passive, eine Weiche: werden für den laufenden Vorgang, sein für das fertige Ergebnis — dazu wurde und ist … worden für die Vergangenheit, von für Täter, durch für Mittel, und man als aktive Ausweichroute. Wer die wird/ist-Probe (passiert gerade etwas?) verinnerlicht, trifft die Wahl in Sekundenbruchteilen. Schau dich um: Drei Dinge in deinem Zimmer — werden sie gerade gemacht, oder sind sie gemacht?
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen „wird gemacht“ und „ist gemacht“?
Wird gemacht (Vorgangspassiv mit werden) heißt: Es passiert gerade. Ist gemacht (Zustandspassiv mit sein) heißt: Es ist fertig, das Ergebnis liegt vor. Die Hausaufgaben werden gemacht vs. sind gemacht.
Heißt es „ist gemacht worden“ oder „ist gemacht geworden“?
Im Passiv-Perfekt immer worden: Der Brief ist geschrieben worden. Das volle geworden gehört nur zum Vollverb werden: Er ist Arzt geworden.
Wann nimmt man von, wann durch?
von für den handelnden Urheber (von meiner Kollegin repariert), durch für Mittel, Ursache oder Vermittler (durch ein Erdbeben zerstört, durch einen Boten überbracht).
Warum ist „ich werde geholfen“ falsch?
Weil helfen den Dativ verlangt und der Dativ im Passiv erhalten bleibt: Mir wird geholfen. Nur Akkusativobjekte können zum Passiv-Subjekt werden.
Quellen
- Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J. & Willingham, D. T. (2013): Improving Students' Learning With Effective Learning Techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4–58. doi.org/10.1177/1529100612453266
Transparenz: Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.